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KUNST KOMMT VON KURR

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Ich werde Künstler gewesen sein (Ausschnitt)

1998, Entwurf für ein Hörspiel, in Zusammenarbeit mit Dr. Wolfgang Griep, Schleßwig- Hollsteinische Landesbibliothek, Eutin zum großen Teil im Katalog "Sei ich wes ich mag" abgedruckt; Erich Weiß Verlag, Bamberg, 1998 (ISBN 3-928591-68-1)

Die logische Konsequenz einer subtraktiven Kunstentwicklung ist eine Kunst frei von Werk, frei von KünstlerIn und frei von KuratorIn. Eine von Werk und KünstlerIn befreite Kunst darzustellen, erschien mir in einer retrospektiven Sciencefiction möglich. Im fiktiven Jahr 2038 ist Kunst ein Lebensgefühl geworden. In einem Radiointerview, das in jenem Jahre 2038 stattgefunden hat, erzählt der (einstige) Künstler Stephan Kurr seinem Interviewpartner Wolfgang Griep über die Wandlung des Kunstbegriffs:

[...]

S.K. [...] Der Diskurs fand immer anderswo statt. [...] Ich begann die Kunst abzulehnen, nicht aus der üblichen Strategie heraus, weil ich eine andere, eben meine Kunst machte, ich lehnte sie irgendwann ab, weil ich sie moralisch schlecht fand. Die meiste Kunst interessierte mich nicht, sie war langweilig, berührte mich nicht, war mir schlichtweg egal. In der Regel sah ich sie mir nur aus beruflichen Gründen an. Und dann machte sie mich wütend, weil sie nur "business as usual" war.

W.G. Vielleicht wurden Sie Künstler, weil Sie sich von der Kunst Ihrer Zeit lösten. Ich denke, das ist ein Prozess, der nicht nur auf Unbehagen beruht, und vielleicht können wir auch darüber noch einmal – in der Abgrenzung – die Kunst zu fassen suchen. Was waren denn Ihre Gegenpositionen?

S.K. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Gegenpositionen hatte. Und damals wurde man von Kunst noch nicht glücklich. [...] Ich sah nur die Ratlosigkeit der Kollegen, die nicht wussten, wie sie den Erlebnisbedarf ihrer Veranstalter abdecken sollten. Man sah häufig äußerst pluralistische Samples. Die waren natürlich unglaublich leicht zu handhaben – und zu handeln. (...) Ich musste meine Lebensenergie verleihen, um Geld zu bekommen und auch freie Zeit, um Andenken produzieren zu können, die der Kunst möglichst nahe sein sollten, d.h. annähernd unverkäuflich und trotzdem teuer, und wenn ich in der Kunst sein wollte, brauchte ich dazu ja auch freie Zeit, und die musste man sich leisten können. Können Sie das nachvollziehen? Ich hörte also auf Profikünstler zu sein, aus moralischen Gründen und aus ökonomischer Einsicht. Ich wurde Amateur.

W.G.
Liebhaber?

S.K. Ja, Liebhaber! Das ging. [...] Irgendwann ging es eindeutig nur noch darum, neue Behauptungen aufzustellen. Behauptungen, die sich behaupten konnten, die ihre Wirkung tun mussten – damit schaffte man neue Wirklichkeit. Man versuchte eigentlich nicht mehr den Gegenstand, sondern den Betrachter zu formen. Die Werke durften die gleichen bleiben, die Ansichten mussten mit jedem Betrachter neu sein. Ständig neue Standpunkte, von täglich neuen Betrachtern, eine unglaubliche Beschleunigung der Interpretationsmöglichkeiten begann. [...] Es musste mir irgendwie gelingen, eine meiner ureigensten Erkenntnisse als allgemeingültige Erkenntnismöglichkeit herauszustellen. Damit stellte ich mich an den Anfang einer Kommunikationskette. Man musste etwas genau bis zu meiner Person zurückverfolgen können. Wie soll ich sagen? Eine Art nominativer Imperativ bestimmte, ob du Künstler wurdest und was Kunst war.

[...]


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