english    aktuell
KUNST KOMMT VON KURR

KONTAKT
VITA
Den Horizont austarieren

für den Katalog: Inventing a Space, von Ana Bilankov, 2004

Bilder von einer Kamera eingefangen sind dokumentarisch oder inszeniert. Die Bilder von Ana Bilankov entschlüsselt man als Dokumente. Hinter diesen vermutet man ein Stück Wirklichkeit. Man kann sich den Augenblick von der verschwindenden Kürze einer hundertstel Sekunde vorstellen, gleichsam einen Augenaufschlag der Fotografin, in der das Eingefangene ihr gegenüber lag. Eine unfassbare Zufälligkeit, gemessen an der Unendlichkeit der Augenblicke des Lebens, doch man darf vermuten, dass man diesen Moment in Ana Bilankovs Leben exakt datieren und verorten könnte.

Der Entstehungsprozess fotografischer Bilder ist subtraktiv. Aus der Gesamtheit der Bildwelt wird ein Motiv ausgewählt. Die Fotografin hat wie jeder Täter vermutlich ein Motiv. Das Motiv ist Sinn stiftend für ihre Tat. Der Sucher der Kamera schneidet aus dem gesamten Sichtfeld der Fotografin ein Rechteck aus. Dieses wird abgelichtet.
Für die Ausstellung werden aus der persönlichen Sammlung, aus dem Archiv der abgelichteten Motive, jene besonderen Momente, die "Besten" herausgestellt. Es ist ein Prozess der Scheidung, des Trennens, der endlichen Gültigkeit. Nach dem Verlust des Paradieses, der Fülle aller Möglichkeiten, steht die Künstlerin an immer neuen Weggabelungen. Mit jeder Frage "welches ist mein Weg", wird die Menge der Möglichkeiten eingeschränkt, bis am Ende eine einzige Aussage übrig bleibt, die Allgemeingültigkeit erhält, um alleinig für alle bisherigen Aussagen zu stehen. Aus der Fülle der Sprache wird als Bezeichnung dieser Bilder ein einziges Wort ausgewählt: "Gelandet", "Park", "Warten",... Das betiteln der Bilder ist so exemplarisch, als würde Ana Bilankov eine neue Sprache erlernen und dabei den Bildern Begriffe zuordnen. Es sind Begriffe von ultimativen Seinszuständen, Brennpunkte, aus denen sich die Fülle der Welt wieder neu öffnen kann.

Stephen Hawking beschreibt Realität als die Menge aller möglichen Ereignisse, die sich maximal in Lichtgeschwindigkeit als Bild, oder z.B. deutlich langsamer, in Schallwellen als Ton wahrnehmen lassen. Dieser Ereignisraum bündelt sich zu meinem individuellen Wahrnehmungskegel, dessen Spitze mein Hier und Jetzt beschreibt. Es gibt in der Vergangenheit Schnittmengen mit anderen Ereigniskegeln anderer Menschen und als Möglichkeit gibt es sie auch in der Zukunft. Was jenseits des sich in Lichtgeschwindigkeit ausdehnenden Ereigniskegels liegt, nennt Hawking das absolute Anderswo.

Das mit der Kamera eingefrorene Abbild eines Ereignisses liegt eindeutig in der Vergangenheit und wird als Foto oder Film zur Schnittfläche gemeinsamen Erinnerns. Ana Bilankovs Bilder, von Meer mit Schiff, von Mensch vor Himmel, von Weg im Park überlappen und überlagern meine eigenen Bilder von ‘Meer mit Schiff‘ usw. und ich hefte mein eigenes Wissen und meine eigenen Gefühle um ‘Meer mit Schiff‘ an ihr Bild.
In der Differenz zwischen Gesehenem und meinem Wissen darüber, oder meinen Empfindungen dazu, bemesse ich Bedeutung - der Park ist unscharf, die Menschen gegen Himmel haben kaum Boden unter den Füssen, das Schiff blendet sich über das Meer hinweg ein und aus, der Horizont schwankt.

Bis in die 80er Jahre waren Künstler-Fotografen auf kleinere Formate beschränkt. Es gab keine erschwinglichen Labors, kein Fotopapier das so breit war, raumgreifende Bilder zu schaffen. Man konnte nicht ploten. Künstlerische Fotografie war schwarz-weiss. Man kannte sie aus Bildbänden, oder kleinformatig gerahmt an der Wand, sodass auf Grund der üblichen Hängung in Augenhöhe stets ein Abstand zum Bild entstand, der dem Abstand zum Buch ähnelt. Das Bild wird "gelesen", sagt man. Der körperliche Bezug zum Bild ist auf den Kopf beschränkt, das Format ist selten größer als der menschliche Kopf, die abgebildeten Köpfe, Gesichter, Menschen, sind sehr viel kleiner als der Betrachter. Dadurch entsteht kein physisches Gegenüber zum Betrachter. Anders im Film, der durch die Projektion bereits seit langem die Möglichkeit einer physischen Bilderfahrung hatte.

Eine erste Positionierung des Betrachters gegenüber dem Bild entsteht im Bezug zum Format. Ich versuche es in seiner Gänze zu erfassen und benötige einen Abstand, der es mir ermöglicht, möglichst alle vier Ränder des Bildrechtecks gleichzeitig als scharfe Kontur zu erfassen. In dieser Entfernung zum Bild ist auch häufig der Augenpunkt, die Spiegelung des Fluchtpunktes in den Betrachterraum hinein, zu finden. Dann mache ich den zweiten Schritt – auf das Bild zu – ich interessiere mich für die Details, den Mittel- und Hintergrund im Bild.
Das Format bedingt die Bewegung durch den Galerieraum, der Fluchtpunkt die Positionierung des Betrachters im imaginierten Raum des Bildes.

Ana Bilankov betitelt das erste Kapitel ihres Katalogs: "Places, Non-Places". Sind es Orte oder Unorte die sie meint? Ist es der ou-topos "kein Ort, nirgends", ist es der Allgemeinplatz, der Archetyp, oder zwingt sie den Betrachter sich selbst zu verorten? Spielt es eine Rolle, ob sie aus dem Archiv ihrer Fotografien auswählt oder gefundene Dias vergrößert, die wiederum unscharf eine Grünanlage zeigen, oder eine Gartenkolonie, oder Park und darin Menschen auf einem Weg? So wenig wie die Physiognomie dieser Menschen erkennbar wird, so wenig scheint der dreifach wiederholte Weg ein Ziel zu haben. Ich lasse mich zu der Frage hinreißen: "Ist der Weg das Ziel?" Wohin laufen die Menschen in "Over theHill?", dreifach wiederholt? Oder warten auch sie wie in "Waiting"? Ist es überbrücken der Zeit zwischen zwei Ereignissen? Ist die Verunsicherung meine eigene? Bin ich just "Landed" in einer Welt der Flughäfen, die in aller Welt gleich aussieht?

Die Horizontlinie schwankt, ich versuche sie auszutarieren. Die Künstlerin hinter der Kamera atmet. Ich muss ihren Rhythmus atmen, wie ich meinen Augenpunkt finden muss, der ihr Fluchtpunkt ist. Der Horizont ist die Achse über die ich mich in ihrem Bild spiegeln kann. Hier trifft sich mein Blick mit dem Blick der Künstlerin.

(in: Ana Bilankov: Izmisliti prostor / Inventing a Space; Galerija Nova, Zagreb; ISBN 953-99703-0-X)


∧∧ Seitenanfang