english    aktuell
KUNST KOMMT VON KURR

KONTAKT
VITA
Haken schlagen

Kolja Kohlhoff, Klappentext des Buchs "Erste Entscheidung", 2004


Jede Ordnung zieht eine Mikroordnung oder auch eine alternative Ordnung nach sich. Das orthogonale System der Stadtstruktur gibt Wege vor, und normalerweise ist ihr Gebrauch bestimmt von Gewohnheit sowie von der Ökonomie der kurzen Distanzen. Obwohl die kürzeste Überwindung von Distanzen die "intelligente Diagonale" wäre, lassen sich solche Linien nur auf freien Plätzen ziehen. Das Ermessen von kurzen Wegen ist also nicht das der kürzesten, sondern der möglichen Routen. Dem Diktat der möglichen Kürze wiederum entzieht sich der Flaneur. Er streift ziellos durch die urbane Gegend, durchmisst verschwenderisch Raum und sammelt Eindrücke. Der Flaneur ist Großstadtmensch. Die Koordinaten seiner Orientierung beziehen sich auf die pulsierenden Menschenströme der Innenstadtbereiche.

Nach seiner Ankunft in Berlin beschließt Stephan Kurr, sich die Stadt mittels Durchmessung anzueignen. Er misstraut den kurzen, zielgerichteten Wegen in gleichem Maße wie der Eroberung des Neuen durch das Produzieren von Gewohnheiten. Stadt ist das Agglomerat, das von seinen Grenzen her bestimmt wird. An diese Grenze will der Erkunder stoßen. Ausgangspunkt und subjektiv auch Mittelpunkt ist die eigene Wohnung am Prenzlauer Berg. Mit der ersten Entscheidung, sich nach rechts zu wenden, ist die Richtung vorgegeben. Auf sie folgt eine Wendung nach links, und im Folgenden wechseln sich beide Richtungen alternierend ab. Dabei wird jede Möglichkeit des Abbiegens genutzt.

Im Gegensatz zum Flaneur ist dem kurrschen Projekt der Aufnahme der Stadt nicht nur das Ziel im Sinne der Stadtgrenze vorgegeben, vielmehr unterliegt dem Treiben eine Ordnung, die sich dem orthogonalen Gerüst der Stadtstruktur beugt, oder mehr noch, sie in radikalster Weise aufgrund ihrer eigenen Logik auslegt. Im Gegensatz jedoch zum mobilisierten Verkehr kann der zu Fuß unterwegs Seiende alle ihm sich bietenden Wege nutzen. Das sind nicht nur die für die Automobilisten gesperrten Fußgängerwege, sondern jedwede Form von urbanen bzw. zum Teil auch privaten Plätzen oder Durchgängen, denen nach gleicher Art zu folgen ist, unter Einschluss des Risikos an einer Sperre zu enden und somit bis zur nächsten Biegung umzukehren.

Da dieses selbstauferlegte Vor-Gehen nicht nur heißt, jede kreuzende Straße zu nutzen, sondern jedwede Möglichkeit des Abbiegens, sprengt es das städtische orthogonale System und radikalisiert es in gleichem Maße. Spielplätze, Friedhöfe, zur Stadtgrenze sich vermehrende Schrebergärten, aber auch Durchfahrten, Parkplätze, Baustellen und vereinzelt Privatgrundstücke bieten sich dem Durchquerer der Stadt an. Dabei war zu beobachten, dass sich im Ostteil der Stadt häufiger "ungesicherte" und somit begehbare Privatgrundstücke befinden als auf der anderen Stadtseite. Differenzen in der Stadtstruktur sowie Veränderungen zum Rande hin werden im Erlaufen "erfahrbar".

Die Verweigerung der Gradlinigkeit und damit der effizienten Nutzung der vorgegebenen Wege führt also auf rational festgelegten Umwegen zum Ankunftsort, der als Markierung der Grenzlinie aber nicht als Zielpunkt festgelegt werden kann. In diesem Unterfangen mischt sich die Figur des Flaneurs mit der des Pedanten. Das verschwenderische Umherschweifen unterliegt einer messbaren Ordnung von festgelegten Regeln, die in ihrem Vollzug rational nachvollziehbar wird. Das Auferlegen dieser strengen Bewegungslogik schließt jedoch die Freiheit des sich Einlassens auf die zu ergehenden Wege und Gründe mit ein, womit der Zwang der Regel zu einer Freiheit der Wahrnehmung wird. Was dem Flaneur die Menschen sind, sind Stephan Kurr die Räume, die sich mit jeder Biegung auftun.

In der Tierwelt ist die Logik des rechtwinkligen Abbiegens die des Ausweichens, um durch die fortwährende Richtungsänderung die Vorhersehbarkeit zu unterlaufen und damit dem Feind zu entgehen. Die Bewegung des Ausweichens ist zugleich Raumeinnahme, die dem todsicheren Durchschneiden des Raumes durch die Diagonale konträr entgegensteht. Stephan Kurrs Hakenschläge bei der "Einnahme" der Stadt schlägt der Struktur der Raum- wie Zeitökonomie ein Schnippchen, indem er die vorgegebene Ordnung radikalisiert und sie gerade damit gegen sich selbst wendet.


∧∧ Seitenanfang