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KUNST KOMMT VON KURR

Meine Berliner Kunstszene

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VITA


Meine Berliner Kunstszene
2001
Diaschau, 54 Minuten

Entstand für Galerie Articule, Montreal, 2001
Wiederholt in der Galerie im Parkhaus, Berlin, 2002

Im Herbst letzten Jahres war ich als Gastkünstler an die Concordia Universität in Montreal eingeladen. Dort nahm ich an Renee Baerts Seminar für "Kuratorische Praxis" teil.

Was Kuratieren ist, lässt sich nicht so leicht sagen, was es nicht ist, sei wesentlich einfacher zu umreißen, schreibt Renee in einem ihrer Aufsätze und sie listet auf, was ein Kurator besser bleiben lassen sollte. Ich stimmte ihr vorbehaltlos in allen Punkten zu, besonders beim letzten Punkt ihrer Aufzählung – wir sollten besser nicht versuchen "einer der wenigen zu sein, die glauben, dass die Arbeiten unseres Partners oder unserer engsten Freunde einen besonders sinnvollen Beitrag zu einer unserer Ausstellungskonzeptionen leisten würden."

Ich musste sofort lachen als ich diesen Satz lass – ein gequältes Lachen eher – und mir fiel sogleich Harald Szeemann ein, jener altehrwürdige Kurator, der so bedeutende Ausstellungen wie "when attitudes become form", die "documenta 5" oder die beiden letzten Biennale von Venedig kuratiert hat. Und letztes Jahr in Venedig zögerte er nicht, seine Lebensgefährtin mit ihrer ersten Videoinstallation zu zeigen.

Sie heißt nicht Szeemann, es ist Ingeborg Lüscher. Ihre Produktion wurde unterstützt von den Fußballmannschaften von Zürich und Winterthur und von Hugo Boss, der auch Hauptsponsor des Guggenheims ist. Das Video war ziemlich erfolgreich. Ich fand es schon nach zwei Minuten unerträglich. Für mich war es eine der plattesten Arbeiten die ich seit Jahren gesehen hatte. Eigentlich will ich hier nicht über Qualität sprechen, wir würden uns sowieso nur streiten.

Ich glaube Qualität in der Kunst ist etwas sehr persönliches, etwas was man als mündiger Betrachter für sich selbst entscheiden will, etwas wo man sich nicht bevormunden lassen will und vor allem nicht von Leuten, die zu wissen meinen, was gut und was nicht gut ist. In der Kunst will jeder für sich selbst entscheiden. Spätestens dann, wenn man sie, die Kunst, an eine seiner 4 Wände hängt. Und auch wenn ich versuche objektiv zu sein, weiß ich, dass ich es nicht bin. Ganz zu schweigen von meinem Missverstehen anderer Kulturen, anderer Gesellschaftsschichten, des anderen Geschlechts. Ich stelle für mich fest, das was mich an Kunst interessiert, ist das was ich selbst gerne machen würde, oder gemacht hätte.
Otto
Es gibt so vieles was mich nicht interessiert. Und wenn ich meine Kollegen frage, ob sie kürzlich etwas Interessantes gesehen haben, verneinen sie in der Regel, sie hätten nur den üblichen Scheiß gesehen. Dennoch werden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst hauptsächlich von Künstlern besucht. Seit mir bewusst ist, dass mein Publikum im Wesentlichen aus Künstlern besteht, ist mir auch klar geworden, dass ich Kunst für Künstler produziere – was ich durchaus schätze. Künstler sind mit der Materie vertraut. Sie wissen wovon ich rede. Denn Kunstbetrachtung setzt Erfahrung mit Kunstbetrachtung voraus. Lesbarkeit von Kunstwerken setzt voraus, dass man lesen gelernt hat. Erst dann wird man zwischen den Zeilen lesen können, wird man spannende Querverbindungen herstellen und von Denkprozessen sprechen, die plötzlich ausgelöst wurden.

Die wesentlichen Erfahrungen mit Kunst sind verwirrend. Man muss seine Sichtweise verändern, seinen Standpunkt, seine Einstellung. Am Ende ist nichts mehr wie es war. Was vorher von Bedeutung war ist plötzlich langweilig, Schnee von gestern, vielleicht nicht falsch aber belanglos, überholt. Das ist einer der Gründe warum ich glaube, dass Kunst sehr persönlich ist, warum ich für mich selbst entscheiden möchte welche Kunst mich interessiert. Vielleicht ist deswegen der Zugang zu den Arbeiten der Menschen die mir nahe stehen so einfach. Und das ist auch der Grund warum ich einer der wenigen bin die glauben, dass die Arbeit meiner Partnerin und die meiner engsten Freunde besonders sinnvoll sind im Rahmen einer Ausstellung (oder wie hier einer Diashow).
Busch
Ich möchte Ihnen meine Berliner Kunstszene vorstellen.

Gewiss, Berlin war in keinster Weise eine Kunstmetropole vor ´89, aber danach wurde sie eine. Heute beansprucht Berlin einen Platz unter den Weltzentren der Kunst. Der Name Berlin ist Wert an sich, ist Markenzeichen geworden und klingt ähnlich verführerisch wie London oder New York, zumindest für die, die weit genug davon entfernt sind. Die Mystifizierung des Genius Loci schreitet voran mit Ausstellungstiteln wie "Children of Berlin", vor einiger Zeit im PS1 in New York gezeigt.

In meiner Pubertät las ich "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", von Christiane F. und als ich die Künstlerliste der "Kinder von Berlin" durchging, ertappte ich mich in meiner naiven Überraschung darüber, wer da alles Berliner sei. Ich hatte diese Menschen immer für internationale Künstler gehalten und war sehr erstaunt wie diese plötzlich auf Lokalmatadore reduziert wurden. Ich fühlte meine Verunsicherung als ich überlegte ob nicht der eine - zumindest was den Namen betraf - Isländer war und der andere Franzose... Nicht einmal ich selbst fühle mich als Berliner, obwohl mich mein Heimatort nicht mehr als Herzogenauracher betrachtet, weil ich ja in Berlin lebe.

Die "Children of Berlin" waren eben Klaus Biesenbachs Kunstszene.

Die Kunstszene die ich vorstellen möchte ist natürlich eine ganz andere. Die Kriterien um Teil meiner Berliner Kunstszene zu werden sind denkbar einfach. Man muss in Berlin wohnen, man muss etwas mit Kunst zu tun haben und man muss etwas mit mir zu tun haben.

Um Ihnen meine Berliner Kunstszene vorstellen zu können, habe ich mich für die Form des Dias entschieden, da Dias ein sehr vertrautes Medium sind, die eigene Arbeit vorzustellen, sich für ein Stipendium, einen Preis zu bewerben.
Hirschfeld
Ich bat meine Freunde mir 4 Dias zur Verfügung zu stellen:

erstes Dia: sie selbst
zweites Dia: wo sie leben
drittes Dia: was sie tun
viertes Dia: was sie mögen
(an Berlin, denn es geht ja nach wie vor auch noch um Berlin)

Ich sprach Sammler, Kritiker, Kuratoren, Kunstgeschichtler, Schauspieler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller und bildende Künstler an.

Die durchschnittliche Zeit, die man darauf verwendet, ein Objekt in einem Museum zu betrachten, beträgt 2,7 Sekunden.

Ich bitte Sie, die zehnfache Zeit darauf zu verwenden, die Dias meiner Freunde anzusehen, das heißt, sie müssen knapp 2 Minuten pro Person aufbringen.
Ich werde Ihnen 27 Freunde vorstellen:

In alphabetischer Folge:

1 Alessio Trevisani, Tänzer
2 Andrea Crociani, Künstler
3 Astrid Busch, Künstlerin
4 Barbara Prokop, Künstlerin
5 Birgit Effinger, Kritikerin
6 Birthe Zimmermann, Künstlerin
7 Carsten Eggers, Künstler
8 Cathrin Otto, Künstlerin
9 Christian Hasucha, Künstler
10 Dorothee Berkenheger, Künstlerin
11 Elke Heinemann, Schriftstellerin
12 Folke Köbberling, Künstlerin
13 Juliane Heise, Künstlerin
14 Katrin Jaquet, Künstlerin
15 Larissa Fassler, Künstlerin
16 Longest F. Stein, Kurator
17 Marbo Becker, Schauspieler
18 Ma.Ri. Brellochs, Künstler
19 Michael Grosch, Künstler
20 Michael Hirschfeld, Künstler
21 Michael Vorfeld, Musiker und Künstler
22 Norbert Heins, Künstler
23 Renate Wolff, Künstlerin
24 Susanne Bosch, Künstlerin
25 Stefan Krüßkemper, Künstler
26 Stephanie Niesner, Künstlerin
27 Yoko Hata, Künstlerin

Der Diavortrag wird exakt 48 Minuten und 36 Sekunden dauern.

Stephan Kurr, Montreal, 2001

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